Börsenverein Jahresbericht 2024 - Flipbook - Seite 5
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© Lukas Wehner
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Welche Entwicklungen haben das Jahr
2025 für die Buchbranche besonders
geprägt? Wo konnte der Börsenverein
wichtige Akzente setzen?
Die internationale Polykrise, der autokratische Demokratieabbau durch die
Trump-Administration und die Fortsetzung
der grauenhaften Kriege in der Ukraine,
dem Sudan, Gaza und dem Jemen sowie
die trotz Regierungswechsels anhaltende
Demokratiemüdigkeit in unserem Land
steigerten die Unsicherheiten und Unzufriedenheiten in weiten Teilen der Bevölkerung. Kaum ein Tag ohne Nachrichten, die
für schlechte Laune und Verdruss sorgten.
Unsere Branche bekam all das unmittelbar in Konsumzurückhaltung, fehlender
Kund*innenfrequenz, überbordender
Bürokratie und unvermindertem Kostendruck zu spüren. Lichtblicke waren die
nicht nur auf der Frankfurter Buchmesse
deutlich spürbare, fortgesetzte Lesebegeisterung junger Menschen, viele stärkende
Veranstaltungen und Begegnungen, die
uns zeigten, wie es trotz aller Unbill weitergehen kann und dass sich der Einsatz
für unsere vielfältige Demokratie lohnt.
Ein wichtiger Erfolg: Kurz vor Jahresende
gelang es, unseren Mitgliedsunternehmen viele künftige bürokratische Mühen
dadurch zu ersparen, dass im Trilog in
Brüssel entschieden wurde, für Druck- und
Verlagserzeugnisse eine Bereichsausnahme in der Entwaldungsrichtlinie zu
schaffen.
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Nach einem Jahr intensiver Diskussionen über KI: Wie hat sich die Haltung
der Branche entwickelt und welche
konkreten Schritte unternimmt der
Börsenverein, um seine Mitglieder bei
der verantwortungsvollen Nutzung von
KI zu begleiten?
Wir sind uns gemeinsam bewusst, dass
KI in der praktischen Anwendung für alle
Sparten unserer Branche große Chancen
bietet. Als Verband unterstützen wir
unsere Mitglieder u.a. durch Webinare
und Veranstaltungen für Best Practices,
bieten über den Digitalen Wissens-Hub
Informationsmöglichkeiten und haben
jüngst gemeinsam eine Handreichung
zur Entwicklung einer verlagseigenen
Haltung im Umgang mit KI veröffentlicht.
Wir setzen dabei auf Transparenz statt
Pflicht und schaffen somit Aufklärung,
ob und ggf. wie KI zum Einsatz kommt.
Nichtsdestotrotz müssen wir auch die
demokratiegefährdenden Aspekte der
Plattformoligarchie und den gigantischen
Diebstahl geistigen Eigentums zum Training der KI-Modelle ansprechen. Daher
setzen wir uns auch weiterhin auf zahlreichen Ebenen und im Zusammenschluss
mit anderen Playern aus der europäischen
Kreativbranche nachdrücklich dafür ein,
dass urheberrechtlich geschützte Werke
geschützt bleiben und KI-Anwendungen
verantwortungsvoll eingesetzt werden.
ES BLEIBT
EINE GROSSE
AUFGABE
UNSERER
BRANCHE,
LESEFÖRDERUNG IN DEN
FOKUS VON
POLITIK UND
GESELLSCHAFT
ZU RÜCKEN.
Peter Kraus vom Cleff ,
Hauptgeschäftsführer Börsenverein
des Deutschen Buchhandels
Leseförderung ist weiterhin ein zentrales Zukunftsthema. Wie positioniert
sich der Verband dazu und welche Rahmenbedingungen wären nötig, um nachhaltige Verbesserungen zu erreichen?
Wir haben in Deutschland eine verheerende Situation, was die Lesefähigkeit in der
Bevölkerung angeht: Jede bzw. jeder fünfte
16- bis 69-Jährige hat die Lesefähigkeit
eines Zehnjährigen! Jedes vierte Kind
verlässt die Grundschule, ohne sinnentnehmend lesen zu können: ein Desaster.
Im Vergleich dazu ist die Verkehrsinfrastruktur, selbst die der Bahn, in einem
sehr guten Zustand. Es braucht jenseits
bisheriger föderalistischer Trampelpfade
eine gewaltige bildungspolitische Anstrengung. Das fängt schon damit an, dass allen
Kindern daheim vorgelesen werden sollte,
dass Kindern schon im Kindergarten- und
Vorschulalter Vorlesefreude und Kontakt
zu Büchern ermöglicht und vermittelt
wird, dass ein bundesweit einheitliches
Curriculum fürs Lesen entsteht und mit
ausreichenden Kapazitäten umgesetzt
wird. Als Branchenverband setzen wir
uns im Schulterschluss mit anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen dafür
ein, Kindern und Jugendlichen in ganz
Deutschland und darüber hinaus den Weg
zum Buch zu ebnen.